Hypertrees im Märchenwald

Einführung

Bei allen Erzählungen kann man zwei Ebenen unterscheiden: Die Erzählebene und die Handlungsebene.
Da in linearen Geschichten die Handlung meist in der Vergangenheit liegt und abgeschlossen ist, kann den Autor keinen Einfluß auf die Handlungsebene nehmen. Natürlich kann innerhalb der Handlung wiederum eine Erzählebene eingebettet werden.
Etwa wie in dem Märchen von 1001 Nacht, wo Männer um ein Lagerfeuer sitzend wiederum Märchen erzählen. Viele Romane, wie Lippels Traum von Paul Maar, die Unendliche Geschichte von Michael Ende, oder Sophies Welt von Jostein Gaarder faszinieren den Leser, indem sie innerhalb der Geschichte die Grenze zwischen Erzähl- und Handlungsebene auflösen oder verwischen.
Rollenspiele
Diese Faszination liegt auch den Fantasy-Rollenspielen zu grunde, die man als die ersten populären Hyperstorys bezeichnen kann. Bei Spielen wie AD&D und das Schwarze Auge kann der Leser nämlich tatsächlich selbst in die Handlungsebene eingreifen. Meist hängt der Handlungsverlauf jedoch vom Zufall ab: so kommt bei entscheidenenden Kampfszenen oft der Würfel zum Einsatz.
die Suche nach dem G-Punkt
Die Herausforderung des Autors besteht zunächst darin, den G-Punkt zu finden.
Der G-Punkt oder Gabelpunkt wird von Laien oft mit dem umstrittenen Begriff aus der Sexualforschung verwechselt, zumal er auch als Scheidepunkt bezeichnet wird.
Während der G-Punkt der Frau ein örtliches Mysterium ist, ist der G-Punkt in der Science-Fiction ein Mysterium der Zeit. Er bezeichnet den Punkt, an dem sich die Zeitleiste in zwei alternative Geschichtsverläufe aufgabelt. Im englischen Sprachgebrauch wird der G-Punkt auch als PoD (Point of Divergence) bezeichnet.
das treefiction Universum
Alternate History heißt das Genre, im dem Science-Fiction-Autoren Alternativwelt-Szenarien schildern. Viele dieser Geschichten beginnen z.B. mit dem Gedanken "Was wäre, wenn Hitler den zweiten Weltkrieg gewonnen hätte..." und spinnen ihn konsequent fort.
Wenn man davon ausgeht, daß mit jedem G-Punkt ein neues Paralleluniversum entsteht, zeigen unsere Geschichtsbücher nur einen möglichen Weg durch die "Tree fiction"-Geschichte der Menschheit auf.
Zeitreise
Im Subgenre der Zeitreise-Geschichten, gibt es auch einige Romane, die den Zeitverlauf der Vergangenheit als unabänderlich und determiniert betrachten. Reist man in die Vergangenheit, so kann man das Geschehene nicht mehr beeinflussen. Man wird von seinen Vorfahren nicht einmal wahrgenommen, und muß sich sogar in acht nehmen, nicht von den Regentropfen, die unaufhaltsam ihre Bahn verfolgen, durchlöchert zu werden.
Das klingt zwar gefährlich, erspart dem Autor aber viel Kopfzerbrechen über paradoxe Situationen, die etwa im populären Film Zurück in die Zukunft auftreten, als Marty fast seine eigene Geburt verhindert.
Betrachtet man eine vergangene Geschichte als unveränderlich, dann besteht die Freiheit des Erzählers in der subjektiven Schilderung von Zeit, Ort und Handlung. Bei einer Hyperstory tritt der Autor diese Freiheiten zum Teil an den Leser ab, in dem er ihm Ausflüge durch die Erzählebene gestattet.

Ausführung

Tree fiction ist die Bezeichnung für eine Geschichte, die in Form eines Baums organisiert ist. Der Leser kann sich an bestimmten Stellen der Erzählung für eine von mehreren Fortsetzungen der Handlung entscheiden.
Die Hypertext-Explosion
Wenn für jede dieser Abzeigungen genau zwei Äste zur Auswahl stehen, und die Hierarchie des Baums in 5 Stufen unterteilt ist, dann gibt es bereits zwei hoch 5, also knapp 64 mögliche End-szenarios der Geschichte.
Bei 10 Stufen wären es 1000 und bei 20 Stufen bereits eine Million!
Diese exponetielle Zunahme der Komplexität schränkt die mögliche Tiefe der Geschichtenbäume stark ein. Allerdings besteht die Möglichkeit, daß mehrere Autoren gleichzeitig an verschiedenen Teilen des Baumes weiterschreiben (kollaborative Autorschaft).
kleine Ausflüge
Synchronisationsprobleme treten nur in Zusammenhang mit 'falschen' Bäumen auf, bei denen einzelne Zweige wieder zusammenwachsen. Solche falschen Bäume sind allerdings auch reizvoll, weil unterschiedliche Erzählpfade erneut zusammengeführt werden können.
Damit wird zum einen die Komplexität reduziert, und zum anderen der Tatsache Rechnung getragen, daß die meisten Leseentscheidungen nicht den gesamten Verlauf der Geschichte grundlegend verändern, sondern nur einen Ausflug darstellen. Solche Ausflüge sind zum Beispiel:
  • Kurzfristiger Wechsel des Erzählers oder des Blickpunktes
  • Einschübe: Innerer Monolog, Rückblick etc.
  • Paralleler Handlungsstrang etc.
Ödipus im Cyberspace
Neben diesen Ausflügen durch Ort, Zeit und Handlung der Erzählebene, gibt es auch viele Entscheidungen in der Handlugsebene, die zum selben Ende der Geschichte führen. Ein Beispiel wäre eine Hypertext Version der Ödipussage. Egal wie sehr sich Ödipus gegen das prophezeite Schicksal wehrt, am Ende der Geschichte wird er stets seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen.

Durchführung

Die drei Grund-Probleme der Treefiction-Projekte sind Autoren-Motivation, Qualitäts-Sicherung und Wachstums-Stagnation.

motivieren
Das Ziel besteht darin, eine möglichst grosse Zahl potentieller Autoren zu gewinnen. Im WWW sind alle Surfer zunächst Leser. Um ihre Motivation zu wecken, ist es sinnvoll, bereits Lesestoff anzubieten. Zunächst sollte eine solider Baumstamm von einigen Hierarchieebenen geschaffen werden, um eine Richtung festzulegen und den Prozess in Gang zu bringen. Die grössten Anreize sind wahrscheinlich die Publizität und die Einflussnahme auf den Geschichtenverlauf. Wenn die Zweige sofort automatisch angehängt werden, ist das unmittelbare Erfolgserlebnis am grössten. Allerdings ist dann eine Qualitätskontrolle nur sehr eingeschränkt möglich.

kontrollieren
Wenn gar keine Kontrolle stattfindet, kann die Erzählung sehr schnell entarten. Selbst gutwillige Autoren sind dann nicht mehr bereit, diese Geschichte fortzuschreiben. Im schlimmsten Falle kommt es dann zum Baumsterben. Die Qualitätskontrolle darf allerdings auch nicht zu weit gehen - ein gesunder Baum wächst ohnehin der Sonne entgegen. Nur hin und wieder müssen ein paar geile Sprossen gestutzt werden.
Dieses gesunde Wachstum resultiert daraus, daß in der Regel sowiso nur die interessanten Zweige weitergelesen und -geschrieben werden. Schließlich bleibt noch das Problem der Veredelung. Wann ist das Projekt beendet? Und wer soll die abschließenden Blätter für die vielen mißratenen Zweige schreiben?

Stagnationsgefahr
Wichtig ist es, das Wachstum des Baumes kontinuierlich zu überwachen, und bei Stagnation gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen. Das eigentliche Problem liegt jedoch im subjektiven Stagnationseindruck. Während die Menge der Zweige weiterhin linear zunimmt, wächst die Zahl der Ebenen immer langsamer.
Ein anderes Problem ist die Schweigespirale. Der Reiz des Kollaborativen Schreibens besteht nämlich grade in der wechselseitigen Ergänzung. Viele Autoren warten deshalb, bis jemand 'ihren' Zweig fortgesetzt hat, um dann weiterzuschreiben. Sobald die Zahl der Verzweigungen die Zahl der Autoren übersteigt, funktioniert das jedoch nicht mehr. Statt einen anderen Zweig fortzusetzen, bleiben viele Autoren schweigend auf ihrem Ast sitzen - wodurch der Baumwuchs weiter stagniert.

das Interstory Interview

Doris Köhler ist die Projektleiterin von Interstory, einem treefiction-Projekt, das an der Uni Hamburg durchgeführt wurde. Es gab drei Geschichtenbäume, an denen jeder Internet-Surfer mitschreiben konnte.
Im Interview berichtet Doris Köhler von ihren Erfahrungen mit diesem Projekt.

M.S. Leider mußte ich feststellen, daß Ihr Projekt eingeschlafen ist. Woran liegt das?
D.K. Das Projekt läuft schon seit Februar 1996. Ich denke, die "WG-Gespräche" sind einfach zu voll und es dauert, bis man an einem Punkt ist, an dem man mitschreiben kann. Und um solche Punkte zu suchen, ist die Geschichte einfach nicht spannend genug. Die anderen beiden Geschichten hatten gleich von Anfang an zu wenig Texte, sodass es keine richtigen Einhak-Möglichkeiten gab. Für die WG-Gespräche haben ein Kollege und ich in Teamarbeit die ersten 5 bzw. 6 Ebenen gefüllt, sodass "Masse" da war, an der sich die Lesenden abarbeiten konnten. Sowas scheint aber auch eine natürliche Grenze zu haben.
M.S. Kennen Sie noch weitere Projekte, die eine Baum-Struktur nutzen und kollaborativ sind?
D.K. Nein, kenne ich nicht. Es gibt in Düsseldorf das Park & Ride-Projekt und natürlich in den USA das eine oder andere Projekt (z. B. das Hypertext hotel), die sind meines Wissens aber alle nicht baumartig.
M.S. Wie intensiv haben Sie damals auf die Mitmach-Storys hingewiesen?
D.K. Ich habe diese interaktiven Erzählungen eigentlich angefangen, weil wir für ein Seminar "Nichtlineares Erzählen", das wir in den Sprachwissenschaften 1996 anboten, praktisch kein deutsches Material hatten. Naiv, wie ich bin dachte ich mir: was es nicht gibt, muss man eben schaffen und begann. Es gibt noch eine kleine Erzählung, die aus drei verschiedenen Perspektiven ein Ereignis beschreibt, ohne Mitmachmöglichkeiten und nur für PC. Und dann als erstes die WG-Gespräche, die ich zusammen mit meinem Kollegen schrieb (er die Bernhard-Anteile, ich die Annika-Anteile) und die wir dann, mangels Zeit (es waren immerhin ab der 6. Ebene 64 Textbeiträge zu schreiben) mit Hilfe einer stud. Hilfskraft ins WWW brachten. Anfangs war die Beteiligung recht hoch. Dann folgten die beiden anderen Erzählungen mit wesentlich weniger Ininialtexten, die dann auch nicht so angenommen wurden. Ich glaube, man muss zunächst eine Situation oder Athmosphäre schaffen, in der die LeserInnen sich bewegen und dann auch verändern können. Angekündigt hatte ich sie im Seminar, in einem Artikel in unsrerem RZ-MEMO (die Hauspostille des RRZ); die Seiten habe ich bei ein,zwei Suchmaschinen angemeldet.
M.S. Was halten Sie von einer Wiederbelebung oder einer Neuauflage?
D.K. Schöne Idee, ich hatte schon fast vor, die Sache nun langsam auslaufen zu lassen, zumal mir auch die Zeit fehlt, die anderen Seiten mit weiteren Hinweisen ständig aktuell zu halten. Das müsste aber dann gut vorbereitet werden. Die alten Geschichten könnten geschlossen und zur Ansicht auf dem Server bleiben.
M.S. Vielen Dank für das Interview.
Martin Schneider, 31.08.98 via internet

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